Predigten
Predigt von Pfarrer Peter Göb zum 24. Sonntag im Jahreskreis A
Lesungen: Sirach 27,30-28,7 und Römerbrief 14,7-9
Evangelium: Mt 18,21-35
Die Abschnitte des Evangeliums, die wir sonntags hören, sind ganz oft Abschnitte, die in der Bibel nacheinander stehen.
Da wir selten ein ganzes Kapitel hören, wird so ein Kapitel auf mehrere Sonntage verteilt.
Wir hören in diesen Wochen jeden Sonntag einen Abschnitt aus dem 18. Kapitel des Matthäusevangeliums.
So auch aktuell.
Am vergangenen Sonntag hörten wir, wie Jesus uns auffordert, mit einem Fehlverhalten umzugehen.
Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann weise ihn unter vier Augen zurecht. Hilft das nicht, dann nimm zwei weitere Zeugen dazu, hilft auch dies nicht, dann sag es der Gemeinde.
Unklar geblieben ist, was Jesus mit „sündigen“ meint.
Diese Unklarheit wird heute etwas genommen. Es geht um ein konkretes Beispiel für fehlerhaftes Verhalten.
Aber mehr noch geht es um die Bereitschaft des Herrn, dem, der sündigt zu vergeben.
Petrus fragt Jesus, wie oft man einem anderen Menschen vergeben müsse. Siebenmal ist sein Vorschlag.
Doch Jesus sagt, nein, nicht siebenmal,
sondern bis zu 490mal. 70-mal siebenmal.
Und Jesus untermauert dies mit einem Beispiel.
Ein Diener hat Schulden bei seinem Herrn.
Die Schuld des Dieners – 10.000 Talente – ist eine unvorstellbare hohe Summe.
Der Schuldenberg ist nicht zurückzuzahlen.
Wie es zu diesen unvorstellbar hohen Schulden kommen konnte, wird nicht berichtet.
10.000 Talente – zum Vergleich: die Steuersumme von Judäa und Galiläa zusammen waren jährlich 200 Talente, das Vermögen des Herodes wird auf 900 Talente geschätzt.
10.000 steht weniger für eine mathematische Größe, sondern ist ein Hinweis auf den Unterschied, auf die Größe des Herrn.
Ein Diener hat immense Schulden bei seinem Herrn.
Der Diener fleht den Herrn an, er werde die Schulden bezahlen.
Wie dies geschehen soll, wird nicht berichtet und ist nach menschlichem Ermessen auch gar nicht möglich.
Anstatt Rache des Herrn kommt es zur megagroßen Vergebung.
Die Vergebungsbereitschaft des Herrn kennt keine Grenzen.
Nicht die Höhe der Schuld ist entscheidet, sondern die Ehrlichkeit der Einsicht und der Umkehr.
Der Diener hat aus der Vergebung, die er selbst erfahren hat, nichts gelernt. Dabei wäre es doch so einfach gewesen.
Aber er bleibt in seinem alten Muster.
Er hat aus der Erfahrung, dass ihm eine große Schuld vergeben wurde, keine persönliche Konsequenz gezogen. Er treibt die 100 Denare gnadenlos ein.
1 Talent entsprach ca. 6000 bis 10.000 Denare, ein Denar ist ein Tageslohn, die Summe von 100 Denaren ist also eine radikal niedrige Summe im Vergleich zu 10.000 Talenten.
Lasse ich mich auf die Vergebung ein?
Traue ich mir zu, mir Vergebung zusprechen zu lassen?
Vergebung erfahren ist das eine – vergebend und gütig denken und handeln, das andere. Aber es ist – dem Gleichnis nach – die Konsequenz aus selbst erfahrener Vergebung.
Je mehr andere Menschen und Gott mit mir barmherzig und gütig sind, umso mehr bin ich aufgefordert, auch anderen gegenüber barmherzig und gütig zu sein.
Es geht um eine Verhaltensänderung des Menschen.
Mangelnde Vergebungsbereitschaft bringt mich selbst in die Enge. Mangelnde Vergebungsbereitschaft tut mir selbst nicht gut.
Aus psychologischer Sicht gibt uns der Groll eine Illusion von Kontrolle. Wenn wir gekränkt wurden, fühlten wir uns hilflos und ohnmächtig. Wut und Groll geben uns das Gefühl von Macht zurück: „Ich verzeihe dir nicht, also habe ich noch etwas gegen dich in der Hand. Ich behalte die Oberhand.“
Doch diese Macht ist eine kognitive und emotionale Falle. Wenn wir nicht vergeben, binden wir uns emotional an die Person, die uns verletzt hat. Der französische Philosoph Gabriel Marcel hat einmal gesagt: „Einen Menschen nicht vergeben können heißt, ihn auf seine Tat festzunageln.“ Aber das Bittere ist: Wir nageln uns damit selbst an diese Tat fest.
Wem schade ich, wenn ich gegenüber einem anderen Menschen Zorn hege?
Dem anderen? Der davon vielleicht gar nichts weiß?
Oder mir.
Ich tue mir nichts Gutes.
Wenn ich einem anderen nicht vergebe, nagele ich ihn auf diese Situation fest.
Wenn ich mir selbst nicht vergebe, dann kreise ich immer um das, was mich beschäftigt, dann nagele ich mich auf mich und mein Verhalten fest.
Manche Menschen haben das Gefühl, sie hätten riesengroße Schuld auf sich geladen und trauen sich nicht, diese an- und auszusprechen.
Vergebung will etwas Befreiendes sein.
· Vergebung heißt nicht: Ich heiße gut, was mir widerfahren ist, oder ich bin damit einverstanden
· Vergebung heißt auch nicht, ich kann es vergessen.
· Vergebung heißt auch nicht zwingen:
ich versöhne mich mit dem anderen.
Aber Vergebung befreit mich von meinen Gedanken, meiner Fixierung, meinem inneren Hamsterrad der Gedanken.
Vergebung ist ein großes Geschenk. Ein Geschenk, dass ich einem anderen machen kann – und vor allem, ein Geschenk, dass ich mir selbst machen kann.
Die Gedanken an einen anderen Menschen können auch anderer Natur sein.
Ich kann einem anderen Menschen positive Gedanken schenken: vor einer Arbeit, einem schwierigen Tag, einer großen Aufgabe. Wenn ich an ihn denke, für ihn bete, ihm gute Gedanken „schicke“, dann tue ich ihm und mir selbst etwas Gutes.
Das ist gut, das ist wertvoll, das baut auf und stärkt den anderen und mich selbst.
Vielleicht haben die psychologischen Erkenntnisse und therapeutischen Ansätze heute ja auch einen Mosaikstein in dem, was uns die Bibel sagt, was dort an Mustern und Verhaltensweisen beschrieben ist.
Welche Lösungswege aufgezeigt werden.
Und vor allem, an die Möglichkeit, sich, sein Leben, seine Haltung zu verändern – am Ende zu verbessern.
Gott bietet mir seine Vergebung an,
immer wieder, immer neu.
Es liegt an mir, diese Vergebung anzunehmen und in meinem Leben ein- und umzusetzen.
Amen.
Es gilt das gesprochene Wort!