Predigten
Predigt von Pfarrer Peter Göb zum 23. Sonntag im Jahreskreis A
Lesungen: Ezechiel 33,7-9 und Römerbrief 13,8-10
Evangelium: Mt 18,15-20
Haben Sie Schulden?
Die meisten denken bei dieser Frage wahrscheinlich zuerst an Geld: an einen Kredit bei der Bank, an eine Finanzierung für das Haus oder das Auto. Geldschulden sind etwas, das viele Menschen kennen.
Aber Schulden gibt es nicht nur im finanziellen Bereich.
Haben Sie schon einmal auf eine Nachricht gewartet, die nie beantwortet wurde? Auf einen Anruf, der versprochen wurde, aber nie kam? Auf ein klärendes Gespräch, das immer wieder verschoben wurde?
Auch das sind Schulden. Nicht Geldschulden, sondern Beziehungsschulden.
Menschen können einander Zeit schulden, Aufmerksamkeit, Respekt und Verlässlichkeit. Eltern schulden ihren Kindern Zuwendung. Freunde schulden einander Ehrlichkeit. Eheleute schulden einander Treue und Vertrauen.
Und Paulus geht in der zweiten Lesung sogar noch einen Schritt weiter. Er sagt: „Bleibt niemand etwas schuldig; nur die Liebe schuldet ihr einander immer.“
Die Liebe ist die einzige Schuld, die niemals ganz beglichen ist.
Im Evangelium spricht Jesus dann plötzlich von Sünde und Schuld.
„Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn zurecht.“
Doch wann würden wir heute sagen, dass jemand gegen uns gesündigt hat?
Vielleicht dann, wenn jemand unser Vertrauen missbraucht hat. Wenn hinter unserem Rücken schlecht über uns geredet wird. Wenn jemand uns bewusst verletzt. Wenn Versprechen gebrochen werden.
Dabei denke ich auch an unsere digitale Welt.
Wie schnell werden heute Menschen in sozialen Netzwerken verurteilt oder bloßgestellt. Wie schnell wird über andere gesprochen, statt mit ihnen zu sprechen. Wie schnell entstehen Konflikte in WhatsApp-Gruppen, in Vereinen, am Arbeitsplatz oder sogar in Familien.
Jesus sagt nicht: Rede mit allen darüber.
Jesus sagt auch nicht: Schreibe einen wütenden Kommentar.
Er sagt: „Geh zu ihm und rede mit ihm unter vier Augen.“
Das ist bemerkenswert aktuell.
Denn oft wählen wir genau den umgekehrten Weg. Wir sprechen zuerst mit anderen über den Betroffenen. Wir sammeln Verbündete. Wir ärgern uns immer mehr. Und am Ende vergrößert sich der Konflikt.
Jesus dagegen zeigt den Weg der persönlichen Begegnung.
Mit dem anderen reden, nicht über ihn.
Das ist christliche Konfliktkultur.
Die Bibelwissenschaftler weisen darauf hin, dass Matthäus diese Worte viele Jahrzehnte nach Tod und Auferstehung Jesu aufgeschrieben hat.
Inzwischen waren christliche Gemeinden entstanden. Menschen lebten zusammen, beteten zusammen, arbeiteten zusammen. Und natürlich gab es auch dort Konflikte.
Die junge Kirche musste lernen, wie Gemeinschaft gelingen kann.
Was unterscheidet Christen von anderen?
Sicher nicht, dass sie fehlerlos wären.
Christen machen genauso Fehler wie alle anderen Menschen.
Der Unterschied liegt vielmehr darin, wie sie mit Schuld umgehen.
Christlicher Glaube nimmt Schuld ernst, aber er lässt niemanden auf seine Schuld festlegen.
Christen dürfen Fehler benennen, weil sie an Vergebung glauben.
Sie dürfen Konflikte ansprechen, weil sie an Versöhnung glauben.
Sie dürfen aufeinander zugehen, weil sie wissen, dass jeder Mensch mehr ist als seine Fehler.
Dann spricht Jesus vom Binden und Lösen.
Diese Worte klingen für uns vielleicht fremd.
Gemeint ist: Die Gemeinde hat von Gott die Vollmacht bekommen, Beziehungen zu heilen, Konflikte zu klären und Versöhnung zu ermöglichen.
Wo Menschen vergeben, wird etwas gelöst.
Wo jemand um Entschuldigung bittet und der andere sie annimmt, wird etwas gelöst.
Wo ein langjähriger Streit beendet wird, wird etwas gelöst.
Wir erleben das auch heute.
Manchmal sprechen Geschwister nach Jahren des Schweigens wieder miteinander.
Manchmal findet eine Familie nach einem schweren Konflikt wieder zusammen.
Manchmal kann ein einziges ehrliches Gespräch eine Last nehmen, die Menschen lange mit sich getragen haben.
Das ist die Kraft des Lösens.
Und wo Menschen einander annehmen und füreinander Verantwortung tragen, da entsteht Bindung, da entsteht Gemeinschaft.
Am Ende steht die große Zusage Jesu:
„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“
Dieser Satz wird manchmal mit einem Augenzwinkern zitiert, wenn in einem Gottesdienst nur wenige Menschen erscheinen.
Doch eigentlich ist er viel mehr als ein Trost für kleine Zahlen.
Er ist eine Verheißung.
Jesus sagt: Die Größe einer Gemeinschaft entscheidet nicht über seine Gegenwart.
Zwei Menschen, die gemeinsam beten, sind nicht allein.
Zwei Menschen, die ehrlich miteinander sprechen und sich versöhnen wollen, sind nicht allein.
Eine kleine Gebetsgruppe, ein Hauskreis, ein Gespräch am Krankenbett, eine Familie am Esstisch, die miteinander betet: Überall dort ist Christus gegenwärtig.
Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen sich einsam fühlen und Gemeinschaft brüchiger geworden ist, ist das eine starke Botschaft.
Wir müssen nicht viele sein.
Wir müssen nicht perfekt sein.
Aber wir dürfen miteinander unterwegs sein.
So ermutigt uns das heutige Evangelium:
Schuld nicht verschweigen, sondern ansprechen.
Nicht übereinander reden, sondern miteinander.
Nicht an Verletzungen festhalten, sondern nach Versöhnung suchen.
Und darauf vertrauen, dass Christus mitten unter uns ist.
Wo Menschen im Glauben zusammenkommen, wo sie einander zuhören, vergeben und neu anfangen, da wirkt Gott selbst.
Amen.
Es gilt das gesprochene Wort!